Frau Holle
Gebrüder Grimm

Es war einmal eine Witwe die hatte zwei Töchter. Während die Eine von ihnen schön und fleißig war, liebte es die andere Tochter dagegen herumzulungern, zu faulenzen und dem Nichtstun zu frönen. Diese war so hässlich wie sie auch faul war. Doch trotz ihrer Faulheit und Hässlichkeit wurde sie von ihrer Mutter viel mehr geliebt weil sie ihre rechte Tochter war, während die andere Tochter den ganzen lieben langen Tag arbeiten musste, oft bis in die späte Nacht hinein. Meist sah man das arme Mädchen dann auf der Straße am Brunnen sitzen wo sie ihrer Arbeit nachging, während es sich die rechte Tochter derweil im Hause gut gehen ließ und verwöhnt wurde. Denn jeden Tag schickte ihre Stiefmutter das hübsche Mädchen hinaus zum Brunnen damit es dort dem Spinnhandwerk nachging, während die faule Tochter noch schlief. Jeden Tag und bei jedem Wind und Wetter musste das arme Mädchen bis zur Erschöpfung spinnen. Manchmal ging die Mutter hinaus um ihre Stieftochter zu kontrollieren und weiter anzutreiben. So war es schließlich nicht verwunderlich das die Arbeit des Mädchen überhand nahm und diese soviel spinnen musste, bis ihre Finger wund und blutig wurden. Doch eines Tages geschah es, das ihre Finger so wund geworden waren, das auch die Spinnspule blutig wurde. Erschrocken versuchte das Mädchen eilig das Blut von der Spule abzuwaschen und ihren Fingern im klaren, kühlen Brunnenwasser etwas Linderung zu verschaffen. 

Doch kaum das sie versuchte die Spule und ihre schmerzenden Finger vom Blut zu reinigen, fiel ihr diese aus den Händen und versank in der Tiefe des Brunnen. Weinend lief das Mädchen deshalb zu ihrer Stiefmutter, klagte von ihrem Leid und Missgeschick und hoffte auf Hilfe. Diese aber schalt ihre Stieftochter aus und schickte sie unbarmherzig zurück zum Brunnen indem sie wütend schimpfte: "Wenn du ungeschicktes Gör die Spule in den Brunnen hast fallen lassen, dann ist es auch deine verdammte Pflicht diese wieder hinauf zu holen."

Daraufhin wurde das Mädchen noch verzweifelter, lief zum Brunnen und fing noch bitterlicher an zu weinen und zu schluchzen als je zuvor. Am Brunnen angekommen war ihre Herzensangst so groß, das sie in den Brunnen sprang und hoffte auf dem Grund die Spule wiederzufinden. Doch kaum war das Mädchen in das eiskalte Wasser des tiefen Brunnen gesprungen, verlor es die Besinnung.

Nachdem es einige Zeit später wieder zu sich kam, hatte sich ihre Umgebung verändert. Es befand sich plötzlich auf einer schönen Wiese. Die Sonne strahlte und der Himmel zeigte sich in seinem schönsten Blau. Vögel zwitscherten und überall blühten Blumen. Staunend lief das Mädchen über die Wiese und es dauerte nicht lange bis sie einen kleinen Feldweg erreichte, an dessen Wegrand ein Backofen stand. Kaum hatte sie den angenehmen Duft frischer Brotlaibe wahr genommen, riefen ihr diese auch schon zu: "Nehmt uns raus, bitte nehmt uns raus, denn wir sind bereits durchgebacken und möchten nicht verbrennen." Da nahm das Mädchen den neben dem Ofen stehenden Brotschieber und holte einen Laib Brot nach dem anderen aus dem Ofen. Nachdem sie ihre Arbeit getan hatte, begab sie sich wieder auf den Weg und ging weiter. Plötzlich bemerkte sie, wie man nach ihr rief. Genau am Wegesrand stand ein wunderschöner Apfelbaum mit herrlichen Früchten und bettelte: "Bitte, bitte schüttele mich, denn meine Früchte sind reif und schwer." Da ließ sich das Mädchen nicht lange bitten, trat an den Baum und schüttelte ihn mit Leibeskräften. Es regnete förmlich an Äpfel und kaum das der Baum von seiner Ernte befreit war, bückte sie sich und häufte alle Äpfel sauber aufeinander und machte sich schließlich wieder auf den Weg. Es dauerte nicht lange, und das Mädchen kam an ein kleines Haus aus dem eine ältere Frau hinaus guckte. Mit ihrer Brille und ihrem gütigen Blick machte sie fast einen gemütlichen Eindruck. Doch kaum hatte das Mädchen sie wahrgenommen, erschrak es fürchterlich, denn die Alte hatte große Zähne. So groß, wie es das Mädchen zuvor niemals gesehen hatte. Ängstlich ging es weiter und versuchte der alten Frau dabei nicht in die Augen zu sehen. Kaum wollte das Mädchen ob ihrer Angst fortlaufen, als die alte Frau dem Mädchen nach rief: "Was fürchtest du dich vor mir liebes Kind. Bleib doch bei mir? Ich könnte eine Hilfe im Haushalt gut gebrauchen! Und wenn du fleißig bist und deine Arbeit ordentlich machst, wird es dir bei mir sehr gut gehen! Du musst nur acht geben, das du mein Bett gut machst und es regelmäßig aufschüttelst bis das die Federn fliegen! Denn dann wird es auf der ganzen Welt schneien, auf das sich die Kinder freuen! Denn mein Name ist Frau Holle und alle Kinder der Welt kennen mich!" Das Mädchen überlegte für einen Moment. Es hatte noch nie etwas von einer Frau Holle gehört. Weil sie aber recht nett erschien, ihr gut zusprach und eine wärmende und sympathische Stimme hatte, willigte das Mädchen schließlich ein.

Die ersten Tage vergingen und das Mädchen tat ihre Arbeit zur vollsten Zufriedenheit der alten Frau. Jeden Tag lehnte es sich weit aus dem Fenster, schüttelte die Betten so kräftig und voller Fleiß, das die Federn nur so herum flogen und jedes mal fing es auf der Erde kräftig an zu schneien. Manchmal schneite es sogar so kräftig, das man das Lachen der Kinder über all den frischen Schnee bis zum Haus der Frau Holle hören konnte. Das Mädchen hatte es gut bei ihr. Denn alle Tage gab es nur gutes Essen. Nur Gesottenes und Gebratenes und niemals ein böses Wort! Doch so gut es das Mädchen auch hatte, spürte es nach einiger Zeit plötzlich eine langsam aufsteigende Traurigkeit. Sie war jetzt schon eine ganze Weile im Dienste der Frau Holle und auch dieser war die Veränderung des Mädchen nicht entgangen. Sie war weiterhin fleißig und auch die Arbeit machte ihr immer noch Spaß, dennoch erfüllte sie immer mehr ein eigenartiges Gefühl der Melancholie. Das Heimweh hatte sie gepackt. Trotz ihrer schlechten Erfahrungen mit ihrer Stiefmutter wurde diese Gefühl zwischen Wehmut, Heimweh und Sehnsucht zu den ihr bekannten Menschen immer stärker.

Obwohl es dem Mädchen bei der Frau Holle um ein vielfaches besser ging als bei der bösen Stiefmutter, hatte sie doch ein unstillbares Verlangen nach ihrer Heimat. Sehnsucht zu liebgewordene Bekannte, Straßen und Plätze ihres Heimatortes. Als ihr Heimweh schließlich so stark und unstillbar wurde, das sie es nicht mehr aushielt, nahm sich das Mädchen schließlich ein Herz und sagte zur Frau Holle: "Ich habe den großen und unstillbaren Jammer nach Haus bekommen und auch wenn es mir hier so gut wie noch nie im Leben gegangen ist, so habe ich doch eine unendliche Sehnsucht zu den Meinigen!" Doch statt zu schimpfen antwortete zu ihrer Überraschung die alte Frau Holle voller Güte: "Ich verstehe dich! Und ich ich finde es schön das du die Deinigen nicht vergessen hast! Heimat ist eben Heimat, auch wenn diese nicht immer schön ist! Habe also keine Angst. Denn es gefällt mir das du wieder nach Hause möchtest und weil du mir ehrlich, fleißig und so treu gedient hast, werde ich dich selber hinauf bringen." Kaum hatte Frau Holle ihre verständnisvollen Worte gesprochen, nahm es das Mädchen auch schon an die Hand und führte es vor ein großes Tor. Nachdem sich die Beiden voneinander verabschiedet hatten, das Tor aufgetan war und das Mädchen gerade unter dem großen Torbogen stand, fing es plötzlich an Gold zu regnen. Eine gewaltige Goldmenge von unschätzbarem Wert und all das Gold blieb am Kleid des erstaunten Mädchen hängen, bis es schließlich über und über mit Gold bedeckt war. "Dies alles soll dir gehören, weil du so fleißig gewesen bist", sprach Frau Holle und gab ihr dabei auch die Spule wieder, die dem Mädchen einst in den Brunnen gefallen war. Während das Mädchen immer noch über all den plötzlichen Reichtum staunte, wurde hinter ihr das Tor wieder verschlossen und es befand sich wieder oben auf der Welt, nicht weit vom Hause ihrer Mutter. Eiligen Schrittes begab sie sich nach Haus, betrat den Hof und begab sich zur Eingangstür, während der Hahn auf dem Misthaufen plötzlich laut zu krähen anfing und rief: 

"Kikeriki, kikeriki, unsere Jungfrau ist wieder hier!"

Ohne anzuklopfen begab sich das Mädchen eilig ins Haus. Als die erstaunte Mutter und die Stiefschwester all den Reichtum und das Gold an ihrem herrlichen Kleid erblickten wurde es gut aufgenommen. Dann erzählte das Mädchen voller Freude wie es zu ihrem Reichtum gekommen war und die Worte sprudelten dabei nur so aus ihr heraus. Als die Mutter die Geschichte hörte, wie es zu all dem großen Reichtum gekommen war, beschloß sie, das auch ihre faule und häßliche Tochter das gleiche Glück beschert werden sollte. So kam es, das sich ihre Stieftochter ebenfalls an den Brunnen setzen mußte um zu spinnen. Doch dazu hatte die faule Tochter keine Lust. Flugs nahm sie die Spindel und stach sich in den Finger. Damit es aber ordentlich blutet, steckte sie zudem noch ihre Hand in eine Dornenhecke. Dann begab sie sich zum Brunnen, warf die blutige Spindel ins tiefe Wasser und sprang hinterher. So geschah es schließlich, das sie auf der gleichen Wiese erwachte wie zuvor ihre Stiefschwester. Wieder schien die Sonne, der Himmel zeigte sich von seiner schönsten Seite und überall blühten wunderbare Blumen. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brot bereits von weitem: "Bitte, bitte zieh mich raus damit ich nicht verbrenne. Denn ich bin ich schon gut durchbacken!" Die Faule aber sprach nur schnippisch: "Da hätte ich wohl viel zu tun. Soll ich mich wegen einiger Brote womöglich auch noch schmutzig machen", und ging einfach weiter. Bald erreichte sie den Apfelbaum am Wegesrand und dieser rief: "Ach bitte, bitte schüttele mich. Meine Äste sind bereits so schwer und meine Früchte reif und saftig!" Die faule Tochter rief ihm zu: "Du kommst mir gerade recht. Soll mir wegen deiner Probleme womöglich noch ein Apfel auf den Kopf fallen", und ging unbeeindruckt weiter. Als sie kurz darauf vor das Haus von der Frau Holle kam, fürchtete sie sich nicht. Schließlich wußte sie ja längst von den großen Zähnen der Frau Holle und verdingte sich sofort bei der alten Frau. Am ersten Tag gab sie sich noch richtig Mühe, auch wenn sie sich zu ihrem Fleiß regelrecht zwingen mußte. Aber der Gedanke an das viele Gold ließ sie für einen Tag ihre Faulheit überwinden. Doch bereits am zweiten Tag erlag sie wieder ihrer Faulheit und am dritten Tag weigerte sie sich bereits überhaupt aufzustehen. Sie machte weder sauber noch machte sie der Frau Holle ihr Bett. Ausschütteln? Wozu dieser Aufwand? Da sie ihrer Arbeit weder auf Aufforderung noch bei vielen Bitten nachkam, war die Frau Holle ihrer bald müde und sagte ihr den Dienst wieder auf. Die Faule war darüber sehr zufrieden und die Kündigung gerade recht. Denn nun dürfte sie ja wieder nach Hause und auch der Goldregen würde vorher noch auf sie warten. Voller Ungeduld ging sie an der Hand von Frau Holle und beide begaben wortlos sich zum großen Tor. Als die faule Tochter unter dem geöffneten Tor stand und auf den Goldregen wartete sprach Frau Holle: "Das ist zur Belohnung deiner Dienste" und verschloß hinter dem Mädchen wieder das Tor, während von oben statt des Goldes ein großer Kübel voller Pech ausgeschüttet wurde. Alls die Faule von oben bis unten mit Pech besudelt das Haus ihrer Mutter erreichte, und der Hahn auf dem Misthaufen sie erblickte, rief er bereits voller Hohn: 

"Kikeriki, kikeriki, unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hier."

Das Pech aber blieb seit diesem Tag an ihr hängen und wollte, solange sie lebte, nicht mehr abgehen.

***
Dieses Märchen wurde mir von Internet-Märchen zur Verfügung gestellt.